Die Alte Lampe an der Aktienstraße in Mülheim war mehr als nur eine Jazzkneipe. Die Wände waren vom Rauch der Jahrzehnte geschwärzt, die Tische klebten, und die Gesichter, die man hier sah, gehörten fast alle zur Familie. Man musste keine Legende sein, um hier aufzutreten, aber die Bühne war bekannt dafür, Musiker in eine zu verwandeln.
An diesem Abend kündigte Mülheims bekanntester Trompeter, Helmut Schlitt, einen besonderen Gast an: „Meine Damen und Herren, heute begrüßen wir einen ganz besonderen Künstler. Einen waschechten Jazz-Schimpansen. Ja, Sie haben richtig gehört. Aber ich lasse ihn sich am besten selbst vorstellen.“
Ein Tuscheln ging durch den Raum. Ein Schimpanse? Dann trat Werner Knorb im Batikhemd, barfuß wie immer und mit seiner floralen Brille, ans Mikrofon.
„Ich mache es kurz“, sagte er. „Mein Motto für heute: No sex, no drugs, no Dixieland.“
Der Witz saß. Ein Lachen ging durch den Raum. Knorb hob die Tuba an, atmete tief ein – und plopp. Ein seltsam dumpfes Geräusch.
Zuerst herrschte Verwirrung, dann ein leises Kichern. Knorb polierte seelenruhig das Instrument. „Ein kleines technisches Problem“, sagte er und zog ein Batisttuch hervor. Mit stoischer Ruhe und der Präzision eines Chirurgen fischte er zwei Minuten lang Pflaumenmus aus den Ventilen. Das Kichern schwoll zu einem lauten Gelächter an, und Knorb zwinkerte dem Publikum zu, während er die letzten Reste entfernte.
Dann war es so weit. Knorb setzte die Tuba an. Der erste Ton von Água de beber von Jobim war klar und rein, als hätte das Instrument nie etwas anderes gespielt. Der kleine Raum wurde groß, die Menschen verstummten und standen schließlich auf ihren Bänken. Es folgte ein Ellington-Stück, bei dem Knorb die Tuba wie ein Saxophon klingen ließ. Dazwischen zupfte er schief und verschmitzt ein Zitat von Monk in das Stück – das war ganz Knorb.
„Noch nie so etwas gehört!“, rief jemand.
„Der spielt ja, als hätte er vier Hände!“, schrie ein anderer.
„Plattenvertrag, sofort!“, rief eine Stimme von der Seite.
Zugabe reihte sich an Zugabe. Die Begeisterung war grenzenlos. Als Knorb nach dem zehnten Applausgewitter in die Runde schaute, hob er beschwichtigend die Hand.
„So, Lullaby of Birdland spiele ich noch“, sagte er. „Aber dann muss der Helmut mich nach Werden fahren. Morgen um zehn ist Theorieklausur.“
Und so ist er, so war er schon immer: ein Jazz-Schimpanse mit Disziplin, Humor – und einem Batisttuch für alle Fälle.
Das passiert nicht alle Tage: Vor dem rostigen Tor des ehemaligen Pumpwerks Alte Emscher – von Knorb liebevoll 'Jazzlabor' genannt – setzt der schneeweiße Cougar der Luftwaffe auf. Seitentür auf, hydraulisches Zischen. Aus dem Heli steigt Majorin Sina Dornfeld (Rufzeichen ‚Eule‘) in makelloser Uniform, ihre Augen scannen das Gelände, bis sie den abflugbereiten Professor mit seinen beiden Dackeln entdeckt. Majorin Dornfeld nimmt unsere drei Freunde persönlich in Empfang. Prof. Dr. Werner Knorb, barfuß wie immer, florale Brille, Batikhemd. Den eingeschlagenen Goldrahmen mit der Geburtsurkunde von Trumps Großvater unterm Arm. Idee: Fritz. Beschaffung: Gustav. Goldene Rahmung: Der Professor. Es geht zum Militärflugplatz Köln-Wahn. Merz wartet schon vor dem Regierungsflieger. Um ihn: Aktenmänner, Uniformen, diskrete Sicherheitsleute mit Knopf im Ohr. Merz: „Werner. Na klar. Wer sonst, wenn’s goldgerahmt sein soll.“ Knorb: „Fassung für den Wahnsinn. Und das im wortwörtlichen Sinn.“ M...

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