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Der Solex-Schmu von Tongeren


 

Es war noch dämmrig, der Nebel hing zwischen den Straßenlaternen wie ein grauer Vorhang, als Prof. Dr. Werner Knorb barfuß über das Kopfsteinpflaster tappte. Der Trödelmarkt von Tongeren erwachte gerade: Händler klappten ihre Tapeziertische auf, ein altes Transistorradio krächzte Brassens, irgendwo zischte eine Kaffeemaschine, und der Duft von Waffeln mischte sich mit feuchtem Karton.

Knorb bewegte sich nicht wie ein Käufer, sondern wie ein Schiedsrichter, der den Platz betrat. Er wusste: Er musste nichts suchen – die Dinge traten von selbst zu ihm. Mit einer beiläufigen Geste strich er über Schallplattenhüllen, schnalzte abschätzig mit der Zunge, klopfte auf eine verbeulte Trompete, als hätte er schon ihr Urteil gefällt. Bei einem verrosteten Vierteltonhorn blies er ein paar Takte der Brabançonne, nur um es dann mit wegwerfender Miene zurückzulegen. Händler grinsten. „Der alte Affe wieder. Bringt alles zum Klingen.“ Doch sie wussten auch: Mit ihm zu feilschen war aussichtslos.

Dann sah er sie. Zwischen Porzellantellern, Wollmänteln und einem alten Puppenbett ragte der Lenker hervor – leicht verbogen, aber unverkennbar: eine Solex, das Fahrrad mit Motoraufsatz. Staubig, vernachlässigt, aber für Knorb war sie schon gewonnen.

Der Händler – grauer Bart, schief sitzende Schiebermütze, ein Becher lauwarmer Kaffee in der Hand – trat heran.
„Trouvée chez ma grand-mère… au sous-sol,“ murmelte er. „Je ne sais pas… peut-être pour la ferraille.“

Knorb ließ sich Zeit. Schob die florale Brille tiefer auf die Nase, legte den Kopf schief, klopfte zweimal gegen den Tank, als prüfe er einen tiefen Basston. Dann seufzte er leise, wie jemand, der Zeuge eines traurigen Schicksals geworden ist. Sein Blick glitt am Händler vorbei, als sei die Solex nicht mal die Mühe wert. Erst dann sprach er, sanft und gefährlich zugleich:
„Avant qu’elle ne finisse à la déchetterie… cinquante euros. Pas plus.“

Es klang nicht nach Angebot, sondern nach endgültigem Urteil.

Der Händler zuckte mit den Schultern – diese müde Geste derer, die lieber warme Lütticher Waffeln essen würden, als über alten Schrott zu diskutieren. Er nahm den Fünfziger. Beinahe entschuldigend deutete er auf einen verbeulten Kübel unter einem Mantel. „Le side-car… je vous le donne.“

Knorb verzog keine Miene. Nur in seinen Augen blitzte es kurz. Der Mann hatte ihm gerade den Beiwagen geschenkt, ohne zu begreifen, dass er über den Tisch gezogen worden war. Knorb nickte knapp, drehte sich auf dem Absatz und schob die Solex davon, als sei sie schon immer seine gewesen.

Kaum bog er um die Ecke, richtete er sich auf, zog das Gefährt stolz neben sich her wie ein frisch erlegten Zwölfender. Seine nackten Füße patschten über die nassen Steine, er summte eine Melodie, halb Bossa Nova, halb Zirkusmarsch – das Triumphlied eines Raubzugs.

Am Nachmittag, zurück im ehemaligen Pumpwerk Alte Emscher in Meiderich, stand die Solex mitsamt Beiwagen vor dem Jazzlabor. Fritz Blumendahl zog die Fliege zurecht, betrachtete das Gefährt mit hochgezogener Augenbraue und murmelte: „Charmant, aber doch recht proletarisch.“

Gustav von Oenkelstieg stemmte die Pfoten breitbeinig auf den Hof, schnüffelte am Auspuff, bellte knapp und markierte.

Knorb grinste breit, klopfte auf den Beiwagen und sagte in einem Ton, der keinen Widerspruch kannte: „Meine Herren, das ist kein Fahrzeug. Das ist Beute. Ein Gesamtkunstwerk auf zwei Rädern mit Beiwagen. Rein da – wir drehen eine Runde.“

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