Sonntag, 11. Januar 2015

Mein erstes Mahl

Blick zurück: Anfang der 80er. Ja, wie alt war ich? Vielleicht zwölf. Bootsferien. Der Herbst zuvor: Holland!  Die Nachbarn waren auch mit von der Partie. Mein Vater hatte null Ahnung von der Christlichen Seefahrt. Der Nachbar (Philologe) hatte auch nur mal als Student auf einer Zechenbahn in Essen-Kray als Heizer ausgeholfen. Tag eins war eine Beinahkatastrophe. Ablandiger Wind. Muss ich mehr sagen?

Die beiden Kapitäne hatten komplett die Kontrolle über das Boot verloren. Den beiden Holländern, die uns geholfen haben, die Meeuwe sicher in den Hafen von in Blokzijl zu manövrieren, gehört heute noch der Orden vom Niederländischen Löwen mindestens(!) im Kommandeursrang verliehen. Wie Eindampfen über die Vorspring geht, weiß ich seither.  Bootsferien is' wohl nix für uns. Dachte ich.

Der nächste Herbst kam, die nächsten Bootsferien kamen."Iiiiich fahr' nicht mehr mit", stellte meine Mutter rigoros  klar. Die Nachbarn blieben an Bord.  Mutter Nachbarin, der Philologe und ein Typ ungefähr in meinem Alter. Diesmal war frühes Aufstehen angesagt, denn es ging nach Frankreich. An den Canal du Nivernais. Was sollte da schon groß anders sein als bei den Holländern?

Bootsübernahme an der Schleuse von Fleury. Donnerschock! Das war kein Boot. Das war ein Pappkarton mit innenliegendem Außenborder. Dieser Bootstypwitz schimpfte sich - die Franzosen haben einen speziellen Humor: Flot Home. Ergebnis einer AB-Maßnahme aus Nordengland.

"English?", fragte Marie-Noëlle, die Einweiserin in Flipp-Flopps, Wir antworteten wahrheitsgemäß: "No." - "Little French, perhaps?" "Oui!", sagte mein Vater. Was komplett gelogen war. Ich konnte damals noch null Französisch und mein Vater - sagen wir mal - sehr, sehr wenig. Aber immerhin. Der Philologe konnte, hielt sich aber vornehm zurück. Blätterte dann und wann in einem kleinen, gelben Langescheidt, um "ich finde nix" zu murmeln.

Im Pappkarton ging es mit schlichter Eleganz weiter. Die Meeuwe war ein stattliches Schiff gewesen. Ruderstand, Salon, zwei Nasszellen, Klampen, Taue, Echolot, Ukw-Radio, Bugstrahlruder, Gedönsrath - halt alles was man an Bord so braucht. Aber hier? Der Steuerstand war eine verkratzte Plexiglasscheibe, um die eine schwarze Persenning rumgewurschtelt worden war, die Mutter Nachbarin am Vorletztentag auch noch unauffindbar im Hafenbecken von Decize versenken sollte. Ein Haftpflichtschaden. Heute lachen wir drüber. Weiter im Text: Der Steuerstand. Klappbar? Zum Glück! "Eh, if you don't like, you kön do it away", sagte Flipp-Flopp. Tröstlich.

Nasszelle eins war ein Eimer mit blauer Chemie. "Sö toilette." Flipp-flopp, flipp-flopp. Nasszelle zwei war dann so ein Pumpding mit Brausekopf dran, das an Opas alte Giftspritze erinnerte. "Sö douche. Have to cook l'eau chaude, eh hot woter. Otherwise cold." Nee, is klar. Flipp-flopp, flipp-flopp. Nächstes Pumpding war die Spüle in der Bordküche. 50-Liter-Kanister. Handlich! Oh, es gab sogar *zwei* Gasplatten. Flipp-flopp, flipp-flopp.  Pumpding numero drei war die Kraftstoffversorgung. Bestehend aus zwei Kanistern für den innenliegenden Außenborder.

Der Clou bzw. zwei davon waren die Erdnägel. Abgesägte Stücke Baustahl, mit denen das Boot vertäut werden sollte. Hammer dazu und - nuja, Tau konnte man dazu nicht sagen. Eher so Schnur. Beheizt werden - war ja schließlich Oktober - sollte der Karton (Ihr merkt, ich weigere mich weiterhin hier von Boot zu sprechen) mit einem 7-Zoll-Konvektor an der Gasbuddel. Das Ding war allerdings in Kombi mit den beiden Herdplatten klasse. Viel besser als die Dieselheizung auf der Meeuwe in Holland.

Hatten wir also den Pappkarton. Wind gab es keinen. Fing das Morvan-Gebirge ab.  Eindampfen über die Vorspring war daher nicht von Nöten. Was soll man machen? Erst mal lecker Mittagessen. Nur wo? Der Nachbar blätterte noch in irgendwelchen Empfehlungen eines halbseidenen Automobil-Clubs:"Ich finde nix." Als mein Vatter ankam:"Ich hab mit den Anglern gesprochen. Um kurz nach eins haben wir einen Tisch bei Madame Poussot." Den Namen sprach er mit eigentümlich verkampfter Grimasse aus.

Welche Angler? Wer war Madame Poussot? Wenn mein Vater eins konnte: Quatschen. Mit allen und mit jedem. Französischkenntnisse hin oder her. Und er hatte einen Riecher für die außergewöhnlich gute Fresserei.

Im batteriebetriebenen Weltempfänger dudelte:"Der Bruder ruft die Brüder" - das Pausenzeichen der Deutschen Welle. Die Männer setzten Prinz-Heinrich-Mützen auf. Wir Jungs hatten Elbsegler. Mutter Nachbarin lief - soweit ich mich erinnere - ohne Kopfbedeckung. Auf ging's zu Madame Poussot.

Das Boot das wir bekommen hatten war kein Boot. Folglich war das Restaurant, das wir jetzt sahen, auch kein Restaurant. Eher so ein Kaufmannsladen mit zwei angeschlossenen Räumen. Vor der Tür stand ein mittelgroßer Bus. Ausflug des Rentner-Clubs von weiß der Kuckuck wo. Nennt sich in Frankreich Club de Troisième Age. Ziel dieser Vereine ist es Busse zu mieten und zu irgendwelchen entlegenen Läden zu fahren, wo dann richtig rein gehauen wird.

Die Club-Leutchen hatten sich in Raum eins ausgebreitet. Dann kamen wir. "Haben Sie reserviert?" - "Non." Madame Poussot hatte kurze, braune Haare, eine dicke Hornbrille und war voll bepackt mit leeren Tellern - das Gesicht von einer maskenhaften Gestenlosigkeit. Die Rentnerband war offensichtlich schon fertig mit Essen. Werden wohl gleich gehen. Dachten ich. Madame machte so eine Geste mit dem Kopf. Wir sollten in Raum zwei sitzen.

Raum zwei war leer. Nur an einem Tisch saßen zwei ältere Herren, die meinem Vater schon beim Eintreten fröhlich zuprosteten. - "Das sind die Angler!" - Speisekarte gab es, Auswahl gab es nicht. Mein Vater suchte Rat am Nachbartisch, um zu erfahren, was denn nun was sei. Die Angler führten die Zeigefinger zu den Schläfen, plapperten irgendwas von Hors d'œuvre, zeigten auf die Zunge, Boeuf, fromage, dessert. Und als sie merkten, dass mein Vater nicht folgen konnte, hieß es: "Grand menu, grand menu." Und Daumen hoch.

Madame Poussot kam und mein Vater bestellte fünf Mal Grand Menu. Während Madame sich für die Bestellung bedankte und abdackelte, brütete der Philologe noch über der Karte. "Hors d'oeuvre, weiß ich überhaupt nicht, was das sein soll. Œuvre ist ja Werk. Blätter, blätter:"Ich finde nix." Aber Terrine, das ist klar. Das ist 'ne Suppe. Nur was für eine steht hier nicht. Bestimmt Zwiebelsuppe.

Das Grand Menue startete und, nein, Suppe war das wirklich nicht. Das war eine fingerdicke, postkartengroße Überraschung. Ein Batzen brauner Fleischteig. Die Terrine. Namensgebend war hier nur die Tonschale, in der sie gebacken worden war. Dazu scharfer Senf und klitzekleine saure Gürkchen mit Silberzwiebeln. Cornichons. Mit der Holzzange fischten wir sie aus einem Steingutpöttchen.

Das alleine wäre heutzutage schon mit Baguette als eine anständige Mahlzeit durchgegangen. Unterdessen dachte der Rentner-Club in Raum eins nicht im Traum daran, die heiligen Hallen zu verlassen. Stattdessen hörten wir immer mal wieder Ohs und Ahs, wenn Madame Poussot einen weiteren Gang auftrug.

Die Angler hatten einen Käsewagen hingestellt bekommen und taten etwas, was bei meinem Vater und mir eine Essgewohnheit auf einen Schlag revolutionierte: Sie aßen Käse mit dem Messer. Einfach so! Ecke abgeschnitten. Mit dem Messer aufgespießt und weggeputzt. Zwischendurch Baguette geknuspert, Schlückchen Wein dazu. Sensationell.

Was war das für ein Hallo, als mein Vater und ich am heimischen Abendbrottisch die neue Verzehrvariante für Käse vorführten. Meine Mutter war ja nicht mit von der Partie. "Ja, was ist den jetzt los? Seit wann isst man mit dem Messer?" - "Jupp. Haben wir in Frankreich bei den Gourmets gelernt. Gehört so!"

Aber zurück zu Madame. Die Angler verabschiedeten sich und unser Grand Menue ging in die zweite Runde. Bouchées à la reine standen auf dem Programm. Der Philologe: "Irgendwas mit Königin." - Allerdings kam nicht Dame, sondern Turm. Zwei stattliche Türme, Blätterteigtürme. Von Türmchen zu sprechen verbot die schiere Dimension der Dinger. Gefüllt waren sie mit einem Kalbsragout, dessen Fleisch eine eigentümliche Konsitenz hatte.

Es war Kalbszunge. Die Angler hatten es ja erklärt. Hätte man es mir vorher gesagt, dass es Zunge gibt, hätte ich wohl verweigert. Aber so: Einfach lecker. War prima abgeschmeckt mit etwas Zitrone. Frische Champignons dabei. Lustiger kleiner Blätterteigdeckel on-top. Konnte man sehr gut essen. Und eigentlich waren wir nach den beiden Türmen satt, aber aus Raum eins brandete das nächste "Aaah!" auf und hoch die Tassen.

Nach einer kleinen Pause waren wir dann auch wieder an der Reihe. Madame schleppte eine riesige Silberplatte rein. Mittendrauf: Ein rosa gebratenes Roastbeef gerahmt von Salatbüscheln. Proteste der weiblichen Besatzung ("Ih, das ist ja gar nicht durch!"). Erstickte mein Vater im Keim mit:"Rosarot. Genau, wie es sein soll. Lecker." Dazu angeröstete Kartöffelchen. Und, attention: "Sauce Bernaise." Habe ich niemals wieder so gut gegessen. Reste wurden mit den Salatbüscheln aufgemoppt.

Der Philologe protestierte: "Das ist ja viel zu viel. Für mich ist das kein Essen. Das ist schon Fressen."  Er schielte dabei natürlich schon bigott auf den Käsewagen, der noch am Anglertisch stand. Raum eins schien einen eigenen Käsewagen zu haben, denn wir bekamen tatsächlich das Gefährt der Angler.

Baguette hatte Madame Poussot reichlich nachgelegt und wir probierten von allen Sorten ein Eckchen. - Wann wurde eigentlich die Unsitte eingeführt, dass man nur drei Käse nehmen darf? - Natürlich wurde nur mit dem Messer verzehrt. Hatten wir ja schließlich gerade erst von den Anglern so gelernt. Anders gegangen wäre es sowieso nicht, denn Gabeln gab es keine.

Der Ranzen spannte schon gewaltig. Als Madame Poussot gestürzten Apfelkuchen brachte, zu dem es selbstgemachte Vanillesauce gab. Der Philologe schaufelte sich zusätzlich noch einen Berg Eischnee rein, den er ebenfalls mit Vanillesauce übergoss. Bei mir war Ende im Gelände. Mein erstes Mahl. Mein erstes Grand Menu. Ein Traum. Dachte ich.

Eine Woche später nahmen wir wieder Kurs auf die Basis von Flot Home. Wir schippertem dem Ende der Bootsferien entgegen. Wir freuten uns auf ein abschließendes Grand Menu bei Madame Poussot. "Bei der Alten an der Schleuse in Fleury haben wir mit Abstand am besten gegessen", resümierte mein Vater unsere kulinarischen Abenteuer im Burgund.

Der Schuhkarton war vertäut. Prinz-Heinrich- und Elbseglermützen aufgesetzt. Abmarsch. Doch die Enttäuschung war riesig. Keine Angler. Kein Bus. Kein Licht bei Madame Poussot. Wir liefen um das Gebäude. Glotzten durch die Scheiben. Dann drehte sich ein Schlüssel im Schloss. Madame Poussot sperrte auf. "Was wir wollten?" - "Na, lecker Mittagessen, wie in der letzten Woche."

Jaha, das wäre die totale Ausnahme gewesen. Normalerweise würde sie wegen ihrer Parkinsonerkrankung überhaupt keinen Restaurantbetrieb mehr fahren. Aber weil die Leute vom Seniorenclub nett angefragt hätten. Und die Angler, die kämen immer dazu, wenn ein Bus vor der Tür stünde. Ende vom Lied: Baguette und Käse gekauft und abgedackelt.

Noch Jahre später schwärmte mein Vater von dem Grand Menu bei Madame Poussot. Warum eigentlich Poussot? Den Namen hätte die Gastronomin an der Schleuse von Fleury nicht von ihm, sondern von den Anglern. Wäre ja auch irgendwie einleuchtend. Den Parkinson-Patienten hätten ja dieses typisch mimiklose Gesicht, wie die Wachsfiguren im Kabinett von Madame Poussot in Paris.

Politisch korrekt ist eine solche Herangehensweise natürlich nicht. Auch orthografisch nicht. Aber kulinarisch war es ein Volltreffer.
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En bald.

Freitag, 25. Juli 2014

Bretonengold

Die 80er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts waren eine gesegnete Zeit. Wer mit seinem neuen Auto nach Frankreich in den Urlaub fuhr, musste, dem Katalysator sei Dank, kanisterweise bleifreien Sprit einführen. Denn flächendeckende Versorgung mit sans-plomb-quatre-vingt-quinze gab es nicht. War es da nicht selbstverständlich, sich auf den Weg zu machen, um im äußersten Westen des Landes nach Abenteuern zu suchen?

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« FR-29022 tasdepois01 ». Sous licence CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons.

Im Morgengrauen durch Paris. Irgendwo hinter Le Mans war dann Schluss mit Lustig. Nach der letzten Zahlstelle hörte die A 81 einfach auf. Unglaublich. Muss man sich mal vorstellen! Und dann ging sie los, die wilde Jagd in die Bretagne mit dem dicken gelben Michelin-Atlas auf den Knien. Das Ziel klar vor Augen: Camaret-sur-Mer. Der letzte Außenposten der Zivilisation.

Ich wollte Taucher werden. Und wer Taucher werden will, genießt in Camaret-sur-Mer ein hohes Ansehen und wird nicht irgendwo untergebracht, sondern im Nautique Club Leo Lagrange - direkt am Hafenbecken. Das war einerseits gut - brauchte ich die Ausrüstung nicht weit schleppen. Andererseits gab es Mittag- und Abendessen immer bei Madame im Haupthaus des Clubs -, das auf einem ziemlich hohen Felsen thronte. Was eine Latscherei übelster Natur bedeutete.

Wie dem auch sei, ich hatte mich sorgfältig vorbereitet. Bei Rüdiger Nehberg hatte ich gelesen, dass er lange Waldläufe unternimmt, um sich fit für seine Expeditionen zu machen. Ich hatte mir noch endloses Schwimmtraining und Radfahrten vom Mitzwinkel durch das Bergische Land bis nach Hückeswagen on-top gegeben. Das war vielleicht eine übertrieben harte Vorbereitung, schon klar. Aber ich hatte gut daran getan, wie sich bald herausstellen sollte.

Um 7 Uhr hieß es: Wecken. Um 8 Uhr gab es Frühstück bei Madame zum Glück nicht im Haupthaus. Croissant, halbes Baguette, Salzbutter, rote Marmelade, gelbe Marmelade. Müslischale voll mit Tee oder Kaffee. Mehr braucht der Mensch nicht. Um 8:30 Uhr nahm ich Neoprenanzug, Flossen, Maske (Taucherjargon. Normale Menschen sagen Brille), 5-Kilo-Bleigürtel und Doppel-Pressluftflaschen in Empfang. Alles in allem gut und gerne 20 Kilo. Pünktlich um 9 Uhr schipperte uns Taucher irgendein Ralf aus Bergheim auf dem ehemaligen Fischkutter Paimpolaise raus in die raue See vor der Pointe de Penhir.

Es regnete, es war windig und es war arschkalt. Die Paimpolaise schaukelte gewaltig und dann sagte Ralf auch noch: "Ab ins Wasser mit Euch!" Wie jetzt? Wie sollte das denn gehen? Eine Leiter oder eine Badetreppe? - Fehlanzeige. Ehe wir uns versahen, kippte einer nach dem anderen rücklings von der Bordwand der Paimpolaise in die Fluten des - und ich sage es noch einmal, auch wenn Frauen und Kinder hier mitlesen - arschkalten Atlantik.

Konnte das gut gehen? Nicht lange. Denn dann betrat Hervé die Szene. Ein Kerl mit der Statur eines lupenreinen Berserkers. Wer in Brest zur Marine geht, gehört schon zu den harten Hunden. Hervé gehörte aber zu den ganz harten Hunden und war Kampftaucher geworden. Irgendwann hatte er dann die Lust an der Selbstqual verloren und wurde Moniteur - also Ausbilder im Club Leo Lagrange.

"Sähn Mal um die Bot rum. Dix fois. Ten times around sö boat, s'il vous plaît." Dazu machte er eine lässig kreiselnde Handbewegung und klatschte in die Hände. Und es war kein Selbstapplaus für die eigene Coolness, sondern sollte wohl die Schlagzahl andeuten, die er bei den Bootsumrundungen von uns erwartete.

Wasserwerferfahrer Holger aus Laatzen bei Hannover hatte sich nach runde sechs schon übergeben. Bei der Medizinisch-Technischen-Röntgenassistentin Cordula (alle sagen zu mir Cordel) aus Solingen-Grefrath hatte Hervé mit Bootsführer Ralf kurz gestritten, ob Luftunterstützung in Form des Rettungshelikopters, angefordert werden müsse, bis Cordula signalisierte, sie hätte das, was man in Solingen-Grefrath außer Atem nennt.

Mir ging es soweit gut. Ich hatte zwar beim Kipp von der Bordwand irgendwie ein Ventil der Doppel-Druckluftflasche ab bekommen, aber ich hielt mich munter und wunderte mich nur ein wenig über den eigentümlichen Geschmack nach leicht antrocknendem Blut im Mund, obwohl ich ja im Wasser war.

Die zehn Runden waren überstanden. Wir schmissen erst die Flossen an Deck der Paimpolaise und dann uns selbst. Keuchend, wie frisch gestrandete Schweinswale. Von Ferne tönte das Mittagsgeläut der Kapelle Notre-Dame-de-Rocamadur und Ralf nahm Kurs auf die Mole von Kameled, wie die waschechten Bretonen Camaret-sur-Mer zu nennen pflegen. Schließlich wartete Madame um kurz vor eins mit lecker Mittagessen - im Haupthaus.

Während wir so zurück dümpelten, drückte uns Hervé, irgendwie brach dann doch die väterliche Fürsorge bei ihm durch, Hennaf *die* bretonische Dosenwurst, Camembert und Baguette in die Hand. Wir mümmelten die eben verbrauchten Kalorien gemütlich wieder in uns rein, als plötzlich ein Korken knallte. "La trosième bouteille", murmelte Ralf. "Morgen seit ihr dran." Was wollte der Typ?

Kleine Weingläser - in Frankreich heißen sie Galopper - machten die Runde. Ausgeschenkt wurde ein Weißwein aus einer schlanken, ja fast eleganten grünen Flasche. Hellgelb mit einer ganz leichten Perlage. Ich kostete und schlagartig war der Geschmack von trocknendem Blut aus meinem Mund verschwunden. Holger dämmerte nach dem dritten Galopper an einem Fender vor sich hin;flötete den River-Kwai-Marsch. Cordel fing an, ausgerechnet mit Ralf zu flirten. Was war das für ein Teufelszeuch, das solche Wunder bewirken konnte?

Auf dem Felsen am Haupthaus angekommen, wartete Madame mit lecker Mittagessen. Schweinebraten. Schulterstücke. Leckere braune Soße, irgendwie mit Wein und Kräutern verfeinert. Grüne Bohnen in Salzbutter geschwenkt. Dazu rosa Kartoffeln. Sie würde nur die Sorte Francelin nehmen und nur dämpfen, nie kochen - wie Madame mir später verriet.

Auf dem Tisch standen riesige Kunststoffflaschen mit Dijon-Senft. Ralf schmierte zwei Scheiben Baguette damit ein und verdrückte sie pur - sozusagen als Vorspeise. Das wäre unheimlich gut, würde die Atemwege frei machen. Wäre wichtig für Taucher. Stimmte voll und ganz, sogar die Tränenkanäle wurden bei dieser Therapie ausgiebig durchgespült. Seither ist Dijon-Senf unverzichtbarer Bestandteil meiner Hausapotheke.

Zu Trinken gab es einen Cadet Roten von der Rhône. Ein Cadet hat das doppelte Volumen von einem Galopper, so rund 0,2. Elf Volumenprozent aus der Literflasche und jeder nur ein Glas. Darauf achtete Madame mit Argusaugen. War ja schließlich erst Mittagessen.

Zurück zum Hafen. Im Prospekt stand schließlich Tauch- und Segelurlaub. Selbstverständlich blies ein strammer Westwind. Selbstverständlich regnete es. Das es arschkalt war, habe ich schon erwähnt? Nuja, die Katamarane wurden ins Wasser geschleppt. Kleine Club-Regatte bis zur letzten Tonne der Hafeneinfahrt. Zwei Schrauben an der Pinne abgerissen. Sich vom Bootswart anbölken lassen und wieder zu Madame.

Kleine panierte Schinkenscheiben in Salzbutter angebraten. Diesmal weiße Bohnen. Abwechslung muss sein. Francelin begegnete uns auch wieder. Diesmal als Bratkartoffel mit Petersilie und Schalottenwürfeln. Der obligatorische Cadet wurde geleert und in einem unbeobachteten Moment mit der Flasche von Cordels Tisch nachgeschenkt. "Könnt Ihr haben. Mag den Rotwein nicht. Der ist mir zu trocken." Alles klar! Madame ist gerade beschäftigt.

Holger wollte früh ins Bett. Cordel und Ralf waren schon wer weiß wohin verschwunden. Ich brach zu einem kleinen Abendspaziergang auf. An der Runie über der Tas de Pois feierten irgendwelche Surfer am Lagerfeuer. Zumindest bis die Gendarmerie die illegale Versammlung im Naturschutzgebiet aufgelöst hatte. Mir wurden die Augen langsam schwer und ich schlenderte in den Hafen zurück zum Club-Haus.

Wenn man in Camaret zum Club-Haus will, kommt man unweigerlich an der Bar de la Criée vorbei. Es gibt keinen anderen Weg. Ich lukte durch die Scheibe. Hinter der Theke stand ein Oppa mit Kapitänsmütze und eine zierliche ältere Frau im Kittel. Wohl der Wirt und seine Gattin? Aber wer waren die beiden Gestalten, von denen ich nur die Rücken erkennen konnte? Potztausend! Das waren Kordel und Ralf. Beide am kichern und Ralfs Bootsführerflosse hatte schon den Weg in Cordels linke, hintere Jeanstasche gefunden.

Nix wie rein in die Bar de la Criée. "Na, Ihr habt ja Spass (mit Doppel-S ist das übrigens Revierdeutsch)", murmelte ich. "Ja", strahlte Kordel:"Und Rose und Jacques sind die liebsten Kneipiers der Welt." Na, dann Bonsoir, Rose und Jacques. So einen kleinen Galopper von dem  Weißen, den Ihr da habt, würde ich auch noch nehmen. Rose zog eine schlanke, grüne - ja fast elegante - Flasche aus der Kühlschublade, kippt den Galopper derart randvoll, dass ich das Glas nicht heben konnte, sondern den Berg darauf erstmal abschlürfen musste und dabei sowas wie "santé" stammelte.

Schon beim Schlürfen wurde mir schlagartig klar: Dieses blasse Gelb, diese leichte Perlage, das konnte nur das Zeuch sein, das es heute Morgen auf der Paimpolaise gegeben hatte. Das Elexir, das Holger aus seiner Agonie gerissen hatte. Der Liebestrank, der für das schnelle Glück zwischen Kordel und Ralf an Tag eins  des Urlaubs gesorgt hatte. Das Mescalin, das mich vom Geschmack des trockenen Blutes befreit hatte.

Ich tat das, was ein Mann in so einer Situation tun muss. Während Kordel und Ralf munter weiter turtelten, wandte ich mich an Jacques. "Qu'est-ce que c'est, Jacques?" - "Boof, ah, c'est le Muscadet. Ca ce boit, hein?" - "Muscadet, ca ce boit, mein lieber Onkel Otto! Ca ce boit!"

Wie ein Seifensieder ging mir nun auf, was das für eine dritte Flasche war, von der Ralf am Morgen gefaselt hatte, und das ich nun dran sei eine mitzubringen. Klar, die Flaschen eins und zwei hatten wir in Form der Pressuftflaschen auf dem Rücken und der Muscadet war Flasche drei - die troisième bouteille.

Am nächsten Morgen erkundigte ich mich dann während des Frühstücks bei Madame, ob denn der Sparmarkt im Hafen wohl diesen Muscadet führen würde. "Monsieur, tun Sie mir einen Gefallen und kaufen sie bloß nicht irgendeinen Muscadet. Der aus der Vendée taugt nichts. Achten Sie auf die schlanke Flasche. Von der Sèvre muss er sein. Und er muss sur lie, also auf der Hefe, ausgebaut sein. Nur dann hat er das leichte Prickeln. Im Idealfall bilden die Bläschen das collier des bulles. Eine Perlenkette am Glasrand."

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"Sur lie Muscadet" by Agne27 - Own work. Licensed under CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons.

Seit vielen Jahren schleppe ich nun keine Kanister mehr mit bleifreiem Benzin nach Frankreich rein, sondern gleiche Volumina an Muscadet (selbstverständlich sur lie) raus.

Prost!

Mittwoch, 23. Juli 2014

Croissant mit Kochschinken

Viele Sommer habe ich auf dem Campingplatz in Valvignères verbracht. Ein paar Strohballen, in die ein Sonnenschirm mit Hannoveraner Bierwerbung gesteckt war, ein kleines Zelt für 25 Mark von Aldi, Klappstuhl, Kühlbox und von Vattern ausgeborgt den jeweils neuesten 3er-Coupé von BMW in der Ausstattungsvariante 2. Frühling. Fetteste Schlappen usw. Ihr wisst bescheid.

Gleich neben der Kirche von Valvignères an der mittelalterlichen Stadtmauer gab es einen kleinen Laden. Es gab Brot, Bier und die L'Équipe - halt alles, was man im Sommer so braucht. Und ein paar Kleinigkeiten mehr.


Valvignères02.jpg
« Valvignères02 » par PranksterTravail personnel. Sous licence CC0 via Wikimedia Commons.

Die südfranzösische Sommersonne kann so brutal sein. Besonders, wenn sie morgens um viertel nach sechs auf billige Aldi-Zelte am Rande des Plateau du Coiron brennt. Da hilft nur eins: Chercher les pains - Brot holen.

Nun hatte Valvignères keinen Bäcker. Aber den kleinen Laden, der als Dépot de Pain - als Brotdepot diente. Wenn es die erbarmungslose Sonne des Südens noch nicht geschafft hatte, spätestens, wenn der Bäckerwagen durchs Dorf gebrettert war, war ich wach.

Die Zahncreme konnte den Geschmack vom einfach Gamay aus der Dorfkellerei nur schlecht übertünchen, der zum Pétanque die ganze Nacht gut gekühlt in Strömen geflossen war. Unvernünftigerweise, statt gegen Durst schlicht Wasser zu trinken. Ja, ja, ich weiß. Gamay ist Rotwein, soll Zimmertemperatur haben. Aber im Süden kommt er nun mal in den Kühlschrank. Is' einfach so.

Weiter im Text: Das langgezogene, gequält melodische "Boonjouuur" der Krämerseele in dem kleinen Laden treibt mir heute noch das Gefühl in den Nacken, das sich einstellt, wenn man Styropor auf dem Küchenheizkörper quietschen lässt.

Ein Baguette und zwei Croissants waren schnell gekauft. Aber dann griff ich zu einem perfiden Mittel der Rache als Vergeltung für den entsetzlichen Morgengruß des Commercanten: Ich bestellte zwei Scheibchen gekochten Schinken. "Zwei Monsieur?" - "Ja, bitte zwei und nicht zu dick, s'il vous plaît!"

Ach, was war das für ein Stöhnen, wenn die Aufschnittmaschine abgewischt werden musste. Wo war denn noch gleich der Lappen. Ein Ächzen, wenn der riesige Kochschinken aus der Kühlung gehievt wurde. "Eh, zwei Scheiben, Monsieur?" - "Volontiers, Monsieur! Passt perfekt zu Ihren hervorragenden Croissants."

Heute, genau 17 Jahre später habe ich dieses raffinierte Rezept erneut für Euch ausprobiert. Um an ein Weltmeisterliches Croissant zu kommen, erklimme ich täglich mit meinem neuen Drössiger-MTB über die Cavée des Pâtis Doux das Kalksteinmassiv von Hautot, um dann im Nachbarort Varengeville in der Bäckerei Biovin Croissants und in der Metzgerei Raby Kochschinken zu erstehen.

Und verfeinert mit einem Hauch normannischer Butter ist es noch besser als einst in Valvignères. Voilà!

Sonntag, 6. Mai 2012

Entdeckt: seltene Stahlfische im Formationspflug.




Geballte Ladung:


Donnerstag, 12. April 2012

Sieht aus wie Glasperlen...

...sind abet Hagelkörner.