Direkt zum Hauptbereich

Brass Beauty – Folge VII: Marie-Jeanne-Gabrielle

 


 

„Ich werd oval. Die Tribordais kommen!“
Fritz schüttelt sich. Langhaardackel empört.
Gustav schiebt die Brauen zusammen. „So. Jetzt ist er völlig durchgedreht. Der Amtstierarzt soll antanzen.“

Der Professor aber, barfuß wie immer, mit floraler Brille auf der Nase, blickt versonnen in die Nachmittagssonne, die durchs Fenster des ehemaligen Pumpwerks Alte Emscher fällt.

„Ihr habt ja keine Ahnung“, murmelt er. „Das hier ist keine bretonische Schifferklaviertruppe. Ich hab sie gehört. Live. Bei La Meule en fête.“

Fritz verzieht die Lefzen. „Ich rieche Brackwasser.“

Knokke, Kneistival und königlicher Briefverkehr

Es habe, so Knorb, alles in Knokke begonnen. Beim Kneistival stand er mit Dotan auf der Bühne. Der belgische König saß im Publikum, inkognito.

„Nach dem Auftritt kam er zu mir, klopfte mir auf die Schulter und sagte nur: Formidable, Monsieur le Professeur.“

Am nächsten Tag lag ein Brief im Kasten – Farnblätter, Wachssiegel, schweres Papier: Einladung auf die Île d’Yeu.

Baguette Royale


„Und da stand ich nun, hinter ihm in der Schlange beim Bäcker“, erzählt Knorb. „Er in Quadratlatschen und Joggingbuchse. Die Verkäuferin sprach alle mit Monsieur oder Madame an – und dann, bei Filip, ohne zu zögern: Avec ceci, Sire?“

Fritz kommentiert trocken: „Ein Land, in dem selbst die Bäckereiverkäuferinnen Monarchie können. Man ahnt, warum der Laden läuft.“

Die Musik von La Meule


„Statt die Insel zu umrunden, radelten wir auf alten Solexen Richtung La Meule. Hafenfest. Musik lag in der Luft. Und da waren sie – Les Tribordais.“

Doch es war nicht Marc Taraud, der mit seinem rauen Bariton über Rum und Seemannsbräute sang. Sondern Jean-Louis Villarbu, eine seltene Ausnahme.
Eine Stimme wie Morgentau auf einem Fischernetz in Port Joinville. Ein Tenor. Glasklar.

Er sang Marie Jeanne Gabrielle. Der Professor hielt die Luft an – und wusste: „Das Lied muss nach Meiderich.“

Meiderich. Ein paar Wochen später.


Gustav hat sich derweil in seine Ecke verzogen. Fritz sortiert Servietten.
Vor dem alten Pumpwerk hält ein rostgrüner Citroën HY.

Die Tribordais sind da. Marc Taraud brummelt, Guy Mayoux hängt sein Akkordeon um. Villarbu richtet das Mikro.

Dann beginnt das Lied.

Die ersten Töne von Marie Jeanne Gabrielle fließen wie lauer Wind durchs Pumpwerk Alte Emscher.

Fritz senkt das Kinn. Gustav blinzelt, sehr langsam.

Am Ende Stille.

Dann Gustav: „So. Alle sind der Meinung, das war spitze.“

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Gebrannte Pinienkerne

Sch... verbrannt! Und billig sind die Dingern nun echt nicht (mehr). Wenn man Pinienkerne für ein Pesto oder für den Salat in der Pfanne röstet muss man höllisch aufpassen. Gerade denkt man noch, werden die Piñónes denn überhaupt nicht braun? Da sind sie schon verbrannt. Abhilfe schafft hier ein Küchengerät, das ich im Rahmen dieses Blogs schon vor einigen Tagen hier besprochen habe. Der gute alte Minibackofen. Vor einigen Jahren habe ich mir im einschlägigen Versandhandel eine Blini-Eisenpfanne aus französischer Produktion zugelegt, die ich aber bislang sehr selten benutzt habe. Doch im Zusammenspiel mit dem Minibackofen ergibt sich ein unschlagbares Team, wenn es um die Röstung von Pignons de Pin geht. Hier das Rezept: Pinoli in die Pfanne (komisch immer werden 30 Gramm in den REZen verlangt) Minibackofen auf 175° drehen (Ober- und Unterhitze aktiv) Zeitschalter auf sechs Minuten und ab dafür Dazu passt ein Export 33, das man ohne Öffner einfach aufschraubt und eiskalt vor dem Fernse...

Knorb live bei ARD Jazz

  Nikals Wandt:  „ARD Jazz – das Magazin. Jeden Mittwoch um 22 Uhr melden wir uns mit dem wöchentlichen Jazz-Update. Heute mit Neuerscheinungen – aber auch mit grundsätzlichen Gedanken zu Jazz und Politik. Später im Gespräch: der bekannte Jazzschimpanse Prof. Werner Knorb , Leiter des Jazzlabors im ehemaligen Pumpwerk Alte Emscher in Duisburg-Meiderich. Ich habe mit ihm über seine gerade erschienene Autobiografie "Jazz mit dickem Fell" gesprochen – und über seine kulturpolitischen Forderungen. Unser musikalisches Intro kommt heute von Quincy Jones – ein Stück von 1969: ‚Killer Joe‘. Ich bin Niklas Wandt. Hallo!“ [Musikeinlage] Wandt (ruhig, fast flüsternd): „‚The weapon that we will use is the cool one‘ – das hat Dizzy Gillespie einmal gesagt. Für meinen heutigen Gast war das vielleicht mehr als nur ein Satz. Für ihn war es Überlebensstrategie. Geboren im Duisburger Zoo, aufgewachsen zwischen Gitterstäben, Besuchern und eingestreuten Sägespänen. Heute Professor für Jazztheor...

Pflaumenmus to Birdland: Knorbs Jazzwunder an der Aktienstraße

Die Alte Lampe an der Aktienstraße in Mülheim war mehr als nur eine Jazzkneipe. Die Wände waren vom Rauch der Jahrzehnte geschwärzt, die Tische klebten, und die Gesichter, die man hier sah, gehörten fast alle zur Familie. Man musste keine Legende sein, um hier aufzutreten, aber die Bühne war bekannt dafür, Musiker in eine zu verwandeln. An diesem Abend kündigte Mülheims bekanntester Trompeter, Helmut Schlitt, einen besonderen Gast an: „Meine Damen und Herren, heute begrüßen wir einen ganz besonderen Künstler. Einen waschechten Jazz-Schimpansen. Ja, Sie haben richtig gehört. Aber ich lasse ihn sich am besten selbst vorstellen.“ Ein Tuscheln ging durch den Raum. Ein Schimpanse? Dann trat Werner Knorb im Batikhemd, barfuß wie immer und mit seiner floralen Brille, ans Mikrofon. „Ich mache es kurz“, sagte er. „Mein Motto für heute: No sex, no drugs, no Dixieland.“ Der Witz saß. Ein Lachen ging durch den Raum. Knorb hob die Tuba an, atmete tief ein – und plopp . Ein seltsam dumpfes Geräusch....