Freitag, 14. September 2007

Kriegsgeschichten

In den Ferien ging es meistens zu den Großeltern, die nach dem Krieg als Flüchtlinge am Rande des Naturparks Lauenburgische Seen ein Siedlungshäuschen bezogen hatten. Die Koppel.

Dort wurde nach einem strengen Tagesablauf gelebt.
Halb Sechs: Aufstehn. Kurz vor Sechs Frühstück mit der Plattdeutschen Morgenandacht auf NDR 2. Mittagessen gab es um Zwölf – Wat mut, dat mut!

Oma: "Bleibt mal noch sitzen! Wir wollen noch was erzählen." Gewöhnlich folgten dann Monologe meines Opas (in Abwesenheit Wilhelm I. genannt), von denen ich mich in jungen Jahren nach einem gnädigen "Du darfst jetzt aufstehen" in den Sandkasten verabschiedete.

Als wir in der Mittelstufe nach Griechen, Römern und Liudolfingern, den Zweiten Weltkrieg in den Blick nahmen, gab es dann und wann heftigere Auseinandersetzungen, die allesamt ergebnislos blieben.

In den 90ern erzählte er mehr und mehr humoritische Anekdoten, von denen eine in kulinarischer Hinsicht ganz nett ist:

Opa war in französische Kriegsgefangenschaft geraten.

"An der Drac wollte der Franzose ein Stauwehr bauen. Hab'n 'se natürlich gefragt: 'Wer ist Handwerker?' Hab ich mich natürlich gemeldet. Konnte ja schließlich auch bißchen französisch sprechen […] 'Spieß! Besorg mal was zu essen, wir haben Hunger!' Ich also los! Bei dem kleinen Laden angekommen. 'Bonjour Madame! Manger. Die Kameraden haben Hunger.' Drückt sie mir so einen Laib Käse in die Hand. Ich zurück. Die Jungs schneiden den Käse an. 'Guck mal hier Spieß! Alles total verschimmelt.' Ich guck: 'Donnerwetter, das ist ja alles grün und blau. Ich den Käse eingepackt' Ich also wieder los zu dem kleinen Laden. 'Bonjour Madame! Pas possible. Moisi, moisi' Sie: 'Non, non, Monsieur. Roquefort, grande délicatesse!' Ich probiert: 'Donnerwetter, der schmeckt!' Ich den Käse eingepackt' Ich also wieder los. Da wollten sie natürlich alle probieren und ruck zuck war alles verdrückt. Wenn ich daran noch denke..." Mit einem "Oh nein, oh nein, oh nein!" endeten die Anekdoten dann für gewöhnlich.

Mein Opa hatte ein *sehr* auserwähltes und *sehr* eingeschränktes Repertoire an Dingen, die er für essbar hielt. Roquefort gehörte fürderhin zu den Käsesorten, die im Haushalt meiner Großeltern zu besonderen Anlässen kredenzt wurde.

Schafskäse wurde beispielsweise rigoros abgelehnt.

Um einige Frankreicherfahrungen reicher, wagte mein Vater (Mitzwinkler Zweig) einmal den Hinweis, dass Roquefort auch ein Schafskäse sei.

Wilhelm: "Im Krieg nicht!"

Ich glaube nicht, dass die Story in allen Teilen so war, aber Wilhelm hat sie bestimmt 50 Mal erzählt. Immer mit den gleichen Dialogpassagen. Immer mit dem "ich also wieder los" und "Donnerwetter, der schmeckt".

En bald.

Kommentare:

Chris K. hat gesagt…

Originalton meines Vaters: "Christopher, ich hab dir diese Geschichte schon hundertmal erzählt, ich erzähl sie dir nochmal..."
Und wenn sie dann eines Tages nicht mehr erzählt werden, fängt man an, sie zu vermissen.
Die Roquefort-Geschichte ist sehr schön. Vor allen Dingen, weil er wirklich schmeckt, vor allen Dingen mit einem Gläschen Edelsüßen, Donnerwetternocheinmal!

Mitzwinkel hat gesagt…

Wahrscheinlich wurde in dieser Zeit meine Aversion gegen süße Weine geprägt. Sonntags gab es immer einen super süüüßen Rivaner von der Mosel, der zu allem Überfluss noch an die Heizung (sic!) gestellt wurde. "Den haben wir auf der Busfahrt mit Herrn Ahlers gekauft. Trocken mögen wir nicht. Das staubt im Mund." Gelagert wurde der Wein selbstverständlich neben der Ölheizung.

Mitzwinkel hat gesagt…

Obwohl... wenn ich es mir recht überlege... gegen einen schönen fruchtigen Vouvray aus der Touraine... Morgens halb Zehn in Deutschland :-)

fressack hat gesagt…

Das hier nur wegen der e-mail adresse.
LG Louie

Chris K. hat gesagt…

Nuja, die damalige Trinkmarmelade und ein richtig edelsüßer... da sind ja nun Welten dazwischen. Verschlägt's dich mal nach Berlin? Da würd ich versuchen, dich mit ein oder zwei Fläschchen zu bekehren.

Mitzwinkel hat gesagt…

Wenn ich mal wieder da bin, lasse ich mich gerne breit schlagen. Früher™ war ich oft in B. Mein Vater war Berlinbeauftragter und da bin ich häufiger mal mitgeflogen.